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Trauerarbeit

Rezension des Films 'Die Kinder von Himmlerstadt', DIE ZEIT, 22. 7. 1983

Ein Film über das Martyrium polnischer Kinder während der nationalsozialistischen Herrschaft. Ein Film, der das Elendslos von Säuglingen, Kleinkindern, Heranwachsenden zeigt, die verfolgt und ermordet wurden, weil sie einen Makel hatten: Sie waren Polen und keine Deutsche, waren in Zamosc, einem Städtchen südöstlich von Lublin, geboren und gehörten damit nicht zum Kreis jener vermeintlich Höher- geborenen, die im Winter 1942/43 daran gingen, die alte Handels- und Residenzstadt, mit ihrem anmutigen Marktplatz aus dem 16. Jahrhundert, unter der Firmierung "Himmlerstadt" vom Reich aus zu besiedeln.

Auf alten Photos hielten die Herren aus Deutschland Hof, Himmler posierte vor Barockfassaden und nahm Treppen in Besitz - harter Schnitt, und dann die Gegenbilder: Ausgemergelte Kinder, Stacheldrähte, ein Chor von Männern und Frauen, die überlebt hatten und die Namen ihres Passionsweges nannten, Zamosc und Majdanek allen anderen voraus.

- Kinder in Himmlerstadt
Gerettete Kinder aus dem Zugtransport, Januar 1943, Spital Siedlce. Klick auf das Bild für Detail.

Zeugen beschrieben in karger und bewegender Rede, was vor mehr als vierzig Jahren in Südostpolen geschah. Wie die Deutschen Aufstehen! Aufstehen! riefen, wie Puppen und Bücher, Kissen und Bettzeug eingepackt wurden, wie es, während der wochenlangen Fahrten kreuz und quer, in den Zügen zuging ("Gibt's hier irgendwo Leichen in den Abteilen?" fragten die Wachmannschaften), wie erfrorene Kinder in Kisten geworfen wurden. Genau erinnerte Details machten die Wahrheit fest - eine Wahrheit, die, wie die in einer polnischen Schulklasse von heute gedrehte Schlußszene zeigte, inzwischen Legende geworden ist. Immerhin: eine Legende, die Eingedenken verlangt und auffordert, aus dem Geschehen Konsequenzen zu ziehen.

Eine polnische Legende, aber leider, albtraumartig, keine deutsche: Wer weiß bei uns von den Kindern aus Zamosc?

Wer ist ihr Fürsprech in einem Augenblick, da Väter und Mütter abermals Grund haben, in Zamosc, sich vor den Deutschen, ihren Raketen und ihrer unmenschlichen Erinnerungslosigkeit zu fürchten. Gottlob, da gibt es immerhin zwei Filmemacher, Elke Jonigkeit und Hartmut Kaminski, die, auf einer Basis einer Kooperation von deutschen und polnischen Behörden, die Ermordung der Kinder von Zamość ins Gedächtnis zurückriefen - in ruhigen, beinahe monotonen Bildern: Schnee und Geleise, Fußstapfen und vorbeihuschende Wälder.

-

Langsames Fahren und Verwischen, um an den Transport der Kinder zu erinnern, die dazu bestimmt waren, in einem Niemandsland ausgelöscht zu werden. Ausgelöscht wie ein Feuerchen, das schon zu lange gebrannt hat. Die Wiederholung der Schnee- und Schienen- und Lokomotivenbilder verdeutlichte die Schreckensszenerie dramatischer, als es grelle Bilder vermocht hätten. 'Action' war nicht am Platz, die Worte der Überlebenden sagten genug: "Eines Tages sahen wir draußen auf dem Feld einen alten Eisenbahnwagen stehen, voll mit Kindern, von denen viele noch lebten. Wir liefen zusammen und bildeten eine zwei Kilometer lange Kette: So wurde, zwischen dem Bretterkäfig und dem Krankenhaus, ein Weg aus Armen und Händen gelegt, über den die Kinder hinweggleiten konnten."

Im Herbst, wenn während der Friedenswoche die Menschenkette von Stuttgart nach Ulm reichen soll, wird es nützlich sein, denke ich, sich der Polen zu erinnern, die, in Reih und Glied versammelt, den vom Tod bedrohten Kindern zu helfen suchten. Beziehungen zwischen damals und heute liegen auf der Hand. Sie beim Namen genannt und, in Zamosc von Kindern mit zum Hitlergruß erhobenen Rechten begrüßt, an den Celan-Vers "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" erinnert zu haben, spricht für die Autoren des Films. Für ihre Courage, mit der sie ein Stück Trauerarbeit leisteten, das selbstverständlich sein sollte und es schon längst nicht mehr ist.

Momos


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